Derzeit finden sich täglich neue Meldungen über die SuisseID und
deren Sicherheit im Internet. Je nach Perspektive und Hintergrund
könnten die Positionen unterschiedlicher nicht sein.
Einerseits sind da diejenigen, die sich mit der Sicherheit der
SuisseID und vergleichbarer Systeme beschäftigt
und herausgefunden haben, wie sich die SuisseID und andere
Systeme missbrauchen lassen: http://www.vimeo.com/15155073.
Andererseits finden sich da die Befürworter, die von "digitalen
fälschungssicheren Signaturen" sprechen. Besonders schön hier; es wird
versucht, alles an der Demonstration gezeigte ins Lächerliche zu
ziehen.
Meines Erachtens können hier ein paar Fakten nicht schaden:
- Das Verfahren das mit der SuisseID zur Anwendung kommt ist auf
jeden Fall sicherer, als wenn eine Unterschrift eingescannt wird.
Oder wenn bei einer E-Mail darauf vertraut wird, dass sie
tatsächlich vom angegebenen Absender stammt.
- Die Verschlüsselung der SuisseID wird mit dem gezeigten
Verfahren nicht geknackt. Sie ist auch nicht das Problem.
- Der Schwachpunkt ist der PC des Anwenders und dessen
potentielle Unsicherheit.
- Das Problem, das sich mit der Sicherheit und digitalen
Signaturen stellt, ist nicht neu. Banken waren und sind seit jeher
damit konfrontiert, dass PC's ihrer Benutzer nicht immer sicher
sind.
- Es handelt sich nicht um ein Problem der SuisseID, sondern um
ein allgemeines Problem im Zusammenhang mit der Identifikation von
Personen im Internet. Es geht darum festzustellen, ob eine
Erklärung oder Aktion tatsächlich von einer zweifelsfrei
identifizierten Person stammt (und nicht von jemand anderem, der im
Besitz des "Schlüssels" ist).
- Ein potentieller Angreifer muss Zugriff auf den Rechner des
Opfers gehabt haben, damit er für diesen Erklärungen abgeben kann.
Ein zu unterschreibendes Dokument wird dann mit Hilfe der SuisseID
des Opfers "unterschrieben": Es wird mit Hilfe der SuisseID die
Signatur des Opfers erstellt und mit dem Dokument verwendet.
Was heisst das nun:
- Dieses Problem ist seit über 10 Jahren bekannt: Es gibt gute
Gründe, warum Banken seit jeher einen zweiten Kanal zur
Identifikation ihrer Kunden einsetzen. Sei das nun eine
Streichliste, eine SMS PIN oder einen Leser mit Chipkarte und
Tastatur, der nicht am PC angeschlossen wird.
- Die SuisseID hat keinen zweiten Kanal und ist
somit weniger sicher als Online-Banking.
- Es bedarf dazu nicht eines "völlig virenverseuchten PCs", die
Methoden um gezielt einen Benutzer anzugreifen ist eine Frage der
richtigen Tools und allenfalls ein bisschen "ungewollter Mitarbeit"
des Opfers oder dessen nicht gepatchten Systems.
- In diesem Zusammenhang sei auf die Dissertation ("Elektronische
Signaturen") von Schlauri verwiesen, der im
Jahr 2002 unter dem Titel "Haftungsfragen" (Seite 193) das Folgende
ausführt:
"Wie bei den herkömmlichen Legitimationssystemen trägt der
Anbieter im Weiteren eine Pflicht zur sorgfältigen Auswahl
des Systems. Dabei ist auf den Stand der Technik und die
Wirtschaftlichkeit Rücksicht zu nehmen."
"Das geschilderte HBCI-Verfahren1151 der deutschen Banken,
welches auf Klasse-1-Geräten oder gar Softwaresigniereinheiten
basiert, erfüllt daher m.E. diese Anforderungen an ein sorgfältig
ausgewähltes System nicht."
Es kommt also auf die Klassifikation des Readers an, wie sicher
ein Verfahren ist. Dazu findet sich in der Knowledgebase
von Cryptoshop das folgende:
ZKA Klassifikation:
Klasse 1 Reader: Kontaktiereinheit ohne
Tastatur und eine Schnittstelle wie z.B. USB
Klasse 2 Reader: Klasse 1 Reader und Tastatur (Pinpad),
Klasse 3 Reader: Klasse 2 Reader und Anzeige (Display) sowie
sichere Nachladbarkeit für Zusatzanwendungen im Leser (z.B. für
ZKA-IKT),
Klasse 4 Reader: Klasse 3 und Sicherheitsmodul mit RSA
Funktionalität sowie eine VM (direkte Ausführbarkeit von Programmen
im Leser) (vgl. FINREAD-Spezifikation)
Fazit:
Das Problem mit Klasse 1 Readern ist seit
Jahren bekannt. Es ist nicht ein Problem der SuisseID, sondern ein
Problem aller Systeme, die Klasse 1 Reader einsetzen. Die
entscheidende Frage lautet, warum bei der SuisseID nicht aktuelle
Sicherheit nach dem heutigen Stand der Technik eingebaut wurde,
wenn das Hauptverkaufsargument "Sicherheit" sein
soll.